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Die vergessenen 360.000 – Ein Einblick in das Leben von Menschen ohne Wohnung

© chantal cecchetti - Fotolia.com

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Ein Gastbeitrag von Rebekka Wilhelm und Lena Amberge

Der Wind pfeift eisig durch die Fußgängerzone in Münsters Haupteinkaufsstraße. Menschen drängen sich an den vielen Buden des Münsteraner Weihnachtsmarktes. Es riecht nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Ein Karussell spielt Weihnachtsmusik. Fußgänger bleiben an festlich erleuchteten Schaufenstern stehen, selbst schon mit schweren Einkaufstüten beladen. An einer Häuserecke, neben einem Mülleimer, sitzt Wolfgang Freitag auf seinem Rollator und beobachtet das Treiben.

Er hält ein Schild in der Hand, auf dem steht ‚Obdachlos, bitte um eine Spende‘. Unter dem Bündel Decken, das hinter Freitag auf dem Boden liegt, regt sich etwas. Sein Hund Mecki. Er ist schon seit elfeinhalb Jahren treuer Begleiter des Wohnungslosen. „Ich würde ihn niemals abgeben!” sagt Freitag und schaut liebevoll auf den kleinen Jack-Russel-Terrier hinunter.

„28 Jahre lebe ich jetzt schon auf der Straße, mit Unterbrechungen“, erzählt der 64-Jährige. Eine Wohnung zu finden sei schwierig, besonders mit Hund. Er habe ein Zelt, das er immer an einem festen Platz aufbaue, etwas außerhalb der Stadt. Da schläft er drin. Winterfest habe er es auch schon gemacht. Der Grund für Freitags Situation ist so traurig wie banal: Eine gescheiterte Ehe brachte ihn auf die Straße. Mehr möchte er dazu nicht sagen, aber man merkt, dass hinter diesem einfachen Satz eine schwere Geschichte steckt.

Ein alltägliches Problem

Auch wenn ihre Wege auf die Straße sehr unterschiedlich sind; so wie Wolfgang Freitag geht es vielen Menschen. Im Alltag sehen wir sie meist nicht, denn nicht alle Wohnungslosen gehen betteln. Allein in Münster lebten laut der Wohnungsnotfallstatistik des Landes Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr 733 Wohnungslose – von circa 19.000 im ganzen Bundesland. Tendenz steigend. Dabei ist die tatsächliche Zahl vermutlich höher, denn die Wohnungsnotfallstatistik kann nur die Menschen erfassen, die sich offiziell wohnungslos melden oder aktiv Hilfe bei Beratungsstellen suchen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW) schätzt, dass bis 2016 in ganz Deutschland etwa 360.000 Menschen ohne feste Wohnung sein werden. Besonders in Ballungszentren wie Berlin und München, aber auch Universitätsstädten wie Münster, also dort, wo es chronisch an Wohnraum mangelt, ist es schwierig allen Wohnungslosen eine Unterkunft für die Nacht zu bieten. Geschweige denn eine feste Wohnung.

Bernd Mülbrecht, der Leiter des Hauses der Wohnungslosenhilfe (HdW) in Münster kennt dieses  Problem nur zu gut. Er sitzt in seinem kleinen Büro im ersten Stock des HdW, einer Notunterkunft für wohnungslose Männer, das neben dem Hauptbahnhof in Münster liegt. Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Unterlagen.  Auf einem Regal stehen Bibel und Koran neben einem Buch über die serbische Sprache. Während unseres Gespräches klingelt das Telefon. Ein Mitarbeiter vom städtischen Sozialamt ist dran. Mülbrecht bespricht mit ihm, wann und wo Wohncontainer aufgestellt werden können, um mehr Wohnraum für den Winter zu schaffen.

Der kalten Jahreszeit sieht Bernd Mülbrecht mit Sorge entgegen: Es seien so viele Menschen auf der Straße wie seit langem nicht mehr, sagt er. Schon jetzt, am Anfang des Winters, sind die Einrichtungen in Münster mit rund einem Viertel überbelegt. Wenn es richtig kalt wird, kommen auch die Wohnungslosen zu den Unterkünften, die sonst lieber draußen übernachten. Auch weil Wohngruppen und psychiatrische Einrichtungen überbelegt sind und die Lage auf dem Münsteraner Wohnungsmarkt am treffendsten mit „verstopft” bezeichnet werden kann, bleiben viele Wohnungslose bis zu einem Jahr im HdW, bevor sich für sie eine andere Perspektive eröffnet.

Stille Nacht, eisige Nacht

Weihnachten feiern sie aber trotz aller Schwierigkeiten. Die Aufenthaltsräume im Erdgeschoss werden geschmückt, es gibt Kaffee und Kuchen, an Heiligabend einen Gottesdienst. „Die meisten Menschen feiern weiterhin gerne Weihnachten”, so Mülbrecht. „Obwohl es für viele sowohl eine fröhliche als auch eine traurige Zeit ist.” Auch hier macht sich der Platzmangel bemerkbar. Fast 130 Personen kommen über die Feiertage ins Haus der Wohnungslosenhilfe, das normalerweise für 80 Gäste ausgelegt ist.

In der Vorweihnachtszeit verschärft sich die Lage der Wohnungslosen oft durch den Weihnachtsmarkttourismus. Um den Bedarf an Schlafplätzen zu Spitzenzeiten decken zu können, mietet die Wohnungslosenhilfe normalerweise vorübergehend auch Pensions- oder Hotelzimmer an. In der Weihnachtszeit werden diese Zimmer aber meist schon im Voraus an Touristen vermietet. Dazu kommt, dass weiterhin Flüchtlinge auf Pensionen und Hotels verteilt werden, da es für sie ebenfalls zu wenig Wohnraum gibt. Auch die persönlichen Probleme vieler Wohnungsloser nehmen zu.

Psychische Erkrankungen verschlimmern sich im Winter, es kommt öfter zu Unruhen und Problemen mit Anwohnern. Die Weihnachtstage bringen oft unglückliche Erinnerungen wieder hoch, was die für viele Menschen schönste Zeit des Jahres auch zur suizidgefährdetsten macht. Einrichtungen wie das HdW versuchen dem mit ihren Veranstaltungen über die Feiertage entgegenzusteuern. Eine von vielen temporären Maßnahmen, um die Auswirkungen eines grundlegenden gesellschaftlichen Problems zu mildern.

Hauptproblem: Wohnraum

Ein Grund für dessen Entstehung wird im Zuge der Recherche immer wieder genannt: Zu wenig Wohnraum. Seit den 80er-Jahren wird zu wenig sozialer Wohnungsbau betrieben. Dazu fallen jährlich über 100.000 Mietwohnungen aus der so genannten Preisbindung und somit auf den freien Markt. Die Mieten dürfen dann erhöht werden. Soweit, dass sie für Sozialhilfeempfänger, aber auch für Geringverdiener nicht mehr in Frage kommen. Damit betrifft dieses Thema nicht nur Wohnungs- und Arbeitslose.

Professor Sell von der Hochschule Koblenz ist Experte für Sozialpolitik, hat bereits zahlreiche Bücher zu dem Thema geschrieben. Er ist klar der Meinung, die Regierung in Deutschland habe „sich mit dieser Politik doppelt selbst ins Knie geschossen”, denn die Gesellschaft würde jetzt gerade mit aller Macht die Auswirkungen der Entscheidungen aus den 1980ern zu spüren bekommen. Er fordert größere Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau. Münster hat bereits eine „Soziale Bodennutzung” beschlossen. Dreißig Prozent der neugebauten Wohnungen sollen Sozialwohnungen sein. Ein Schritt in die Richtige Richtung, findet auch Herr Lembeck, Abteilungsleiter der Fachstelle Wohnungssicherung des Sozialamts Münster. Allerdings weiß auch er, dass diese dreißig Prozent nur mittelfristig dazu beitragen könnten, die Lage zu entspannen.

Die Auswirkungen der schleppenden Wohnungspolitik spürt auch Roman. Er war lange Handwerker, hat zwei Gesellenbriefe, arbeitete mit Holz. Dann kam das Rheuma. Arbeitsunfähigkeit. Kein Geld, die Miete zu zahlen. Er ist seit einem Jahr wohnungslos. Wir treffen ihn im „Treffpunkt an der Clemenskirche”, einer Tageseinrichtung für Menschen in Notlagen, in dem es günstig Frühstück und Mittagessen gibt. Er sagt, er warte darauf, seine Rente einreichen zu können. In einem Jahr sei es soweit.
Wir fragen ihn, ob sich in den letzten Jahren etwas verändert hat für ihn und die anderen Wohnungslosen, die sich jeden Tag hier im Treff begegnen. „Die Konkurrenz ist größer geworden”, sagt er. „Vor allem wegen den Osteuropäern.”

Armutsmigration ist medienwirksam

Tatsächlich kommen seit der Osterweiterung der EU viele Menschen aus Osteuropa nach Deutschland. Etwa neun Millionen bisher. Oftmals wird aber verschwiegen, dass der Großteil dieser Menschen hochqualifiziert ist. Nur eine sehr geringe Zahl dieser Menschen emigriert aus Armut. Sowohl Bernd Mülbrecht als auch Prof. Sell finden, dass aber genau diese Armutsmigration in den Medien zu sehr hochgespielt wird.

Prof. Sell ist sich sicher: „Problemzuwanderung lässt sich medienwirksam abbilden. Aber Zahlen zeigen eindeutig – und das ist nicht im Bewusstsein vieler – dass vor allem viele qualifizierte Rumänen und Bulgaren in Deutschland schnell qualifizierte Arbeit finden. Wir haben fast 30.000 ausländische Ärzte  in deutschen Krankenhäusern. Ohne die ginge es wahrscheinlich gar nicht! Der größte Teil davon sind osteuropäische Ärzte. Wir sind auf der ganz dicken Gewinnerseite. Es entsteht eine falsche Abbildung der Zuwanderungsrealität in diesem Land. Man trägt damit bewusst oder unbewusst dazu bei, dass die Öffentlichkeit denkt, wir werden überschwemmt von Armutseinwanderung.”

Aber auch Roman hat Recht wenn er sagt, die Konkurrenz auf der Straße habe zugenommen; denn wohnungslose Einwanderer aus anderen EU-Staaten haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen und brauchen deshalb mehr Unterstützung von gemeinnützigen Einrichtungen und Sozialarbeitern. Auch für einfache Amtsgänge brauchen viele die Hilfe eines Übersetzers, weil ihr Deutsch zu schlecht ist. Das alles erfordert Zeit und Geld, die dann bei deutschen Wohnungslosen „fehlen”.

Was also tun, um die Situation zu entspannen? Mehr Sozialwohnungen bauen – die alte Antwort. Auf die Frage, warum nicht mehr Maßnahmen ergriffen werden, um das Problem Wohnungslosigkeit zu lösen, vermutet Patricia Gallagher, Mitarbeiterin im „Treffpunkt an der Clemenskirche“, dass sich die Politik nicht genügend interessiert. „Wohnungslosigkeit ist ein unattraktives Thema. Deswegen fehlt ihm eine politische Lobby, ein Fürsprecher“, sagt sie. Professor Sell stimmt dem zu. In der Konsequenz bemühe sich die Politik auch nicht mehr über das Thema zu erfahren.  Denn: „Wenn ein Problem nicht ausreichend mit Zahlen belegt ist, existiert es politisch nicht”, so Sell.

Keine Lösung ohne Daten

Aber politische Entscheidungen bräuchten verlässliche Daten als Grundlage. Und die gibt es im Moment nur eingeschränkt. Obwohl schon 1998 in einer Machbarkeitsstudie des Statistischen Bundesamts bewiesen wurde, dass die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und unabhängigen Experten geforderte bundesweite Statistik zur Wohnungslosigkeit möglich ist, wurde diese bisher immer wieder abgelehnt.

Nordrhein Westfalen führt bis jetzt als einziges Bundesland seit Längerem eine Erhebung durch. Sie wird von allen Beteiligten als hilfreich betrachtet. „Mit der neu gestalteten Statistik sind sehr viel konkretere Aussagen über Art und Umfang der Wohnungslosigkeit möglich als je zuvor”, erklärt Walter Godenschweger vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW. Doch die Zahlen haben einen Schönheitsfehler: Es fehlt ihnen an  Vergleichbarkeit.

Eine Erfassung auf Bundesebene könnte Abhilfe schaffen. Die jüngste Anfrage an die Regierung gab es im Jahr 2012. Verschiedene Abgeordnete baten um eine Stellungnahme der Regierung zum Vorschlag einer derartigen bundesweiten Statistik. Die Antwort der damaligen Regierung aus CDU/CSU und FDP war eindeutig: Die Bundesregierung fühlt sich nicht verantwortlich, die Verantwortung liegt per Gesetz bei den Ländern. Darauf, dass eine Änderung der gesetzlichen Lage in diesem Falle sinnvoll wäre, um alle Bundesländer zu einer Erhebung zu verpflichten, wird nicht eingegangen. Auch Dr. Rolf Jordan, Fachreferent der BAG Wohnungslosenhilfe, sieht den Bund in der Verantwortung: „Unsere Position ist eindeutig, dass es durchaus Bundesaufgabe ist, für verlässliche Zahlen zu sorgen und  entsprechende Standards für Erhebungen auf Bundesebene festzulegen.” Im Moment arbeitet die BAG Wohnungslosenhilfe mit eigenen Schätzungen.

Bis jetzt scheinen auch der aktuellen Regierung diese Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe zu genügen, auch wenn der Verein selbst die Aussagekraft der von ihm erhobenen Daten stark bezweifelt. Was neben den Schätzungen der BAG Wohnungslosenstatistik dann noch bleibt, sind auf Landesebene die bereits erwähnte Wohnungsnotfallstatistik des Landes Nordrhein-Westfalen, Untersuchungen aus Niedersachsen und eine Erhebung aus Bayern, die dieses Jahr zum ersten Mal durchgeführt wurde. Alle auf freiwilliger Basis.  Die Stadt Münster führt, wie einige andere Kommunen, zudem eigene Erhebungen durch, da die Zahlen der Wohnungsnotfallstatistik aus ihrer Sicht nicht ausreichen, um effektiv Maßnahmen planen zu können.

Erhebungen sind also notwendig und scheinbar auch für die Gruppe der Wohnungslosen durchführbar. Auf das Argument hin, dass die statistischen Ämter überlastet seien und deswegen nicht mehr erhoben werden könne, sagt Sell, dass der Bund beziehungsweise die Länder dann konsequenterweise wieder mehr Personal einstellen sollten, denn die Ämter seien tatsächlich deutlich zusammengeschrumpft.

Ein „unsichtbares“ Problem

Wohnungslosigkeit in Deutschland, einem der auf dem Papier reichsten Länder der Welt – oftmals ist es in der Öffentlichkeit kein Thema mehr. Es ist einfach, an den Bettlern vorbei zu gehen, oder das Gewissen mit ein paar Cent zu beruhigen. Dabei bleibt der größte Teil der Wohnungslosen unsichtbar. Längst nicht alle Menschen ohne Wohnung gehen betteln. Andreas Lembeck vom Sozialamt Münster sagt, dass es an der Basis und auch in der Stadtverwaltung Münsters viele engagierte Personen gebe, die ihr Bestes tun, um ein würdiges Leben der Menschen am Rande unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Aber an den entscheidenden politischen Stellen und in der Öffentlichkeit brauche es mehr Sensibilität für die Wichtigkeit des Problems, so Sell. „Hilfe für Wohnungslose ist keine Deluxe-Leistung. Wir reden über Leistungen, die wir als Überlebenshilfe bezeichnen.” Die Geschichten, die im Zuge der Recherche erzählt wurden, zeigen: Wohnungslos könnte jeder werden. Schicksalsschläge können jeden Menschen treffen. Und wenn das Umfeld keinen Halt geben kann oder will, dann ist es wichtig, dass es staatliche Strukturen gibt, die einen auffangen und Perspektiven bieten können.

Auch Wolfgang Freitag wünscht sich mehr Interesse seitens der Politik. Wenn es mehr Wohnraum gäbe, „dann müsste ein Wohnungsloser nicht mehr in Vierer-Zimmern übernachten, zusammen mit Wildfremden. Ich müsste keine Angst haben, dass mich nachts jemand beklaut.” Großes Vertrauen in die Politik hat er nach der langen Zeit auf der Straße nicht mehr. Er sagt, er habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich für ihn noch einmal das Blatt wenden wird. Aber es klingt wie eine Floskel. Fürs erste wird er weiter den „Treffpunkt an der Clemenskirche” besuchen, an seinem Platz an der Häuserecke an der Einkaufsstraße um Spenden bitten und die Nacht in seinem Zelt verbringen, Seite an Seite mit seinem Hund Mecki.

Freitag macht sich nicht mehr viel aus Weihnachten und hat auch keinen Wunsch zu Weihnachten. Aber bevor wir gehen, sagt er noch: „Eins weiß ich, wenn ich 47 Millionen Euro hätte, oder noch mehr, dann würde ich Häuser kaufen und die Obdachlosen von der Straße holen.” Ein großzügiger Gedanke. Nicht nur zu Weihnachten.

Zu den Autorinnen: Lena Amberge und Rebekka Wilhelm sind Studierende der Kommunikationswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster