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Godesburger Bonn: Das erste inklusive Burger-Restaurant Deutschlands

(o-ton) Im Godesburger arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Das Bonner Projekt will zeigen, dass Inklusion am Arbeitsmarkt machbar ist. Und hofft, damit andere Arbeitgeber in der Region zu inspirieren.

Burger-Bratereien sind im Trend. Und auch im Bonner Stadtteil Bad Godesberg bietet man jetzt qualitativ hochwertige Bio-Burger in stylischem Ambiente an. Trotzdem ist der Godesburger etwas Besonderes, denn das Restaurant ist inklusiv. Hier arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Und das Konzept geht auf: Das Restaurant in der Bad Godesberger Innenstadt ist selbst nachmittags gut besucht. Eine Kundin erzählt, sie käme wegen der neuen Kartoffelwaffeln viel zu häufig und deutet dabei lachend auf ihre Hüften. Richtung Feierabendzeit füllt sich das kleine Restaurant immer mehr. Der Godesburger scheint etwa ein halbes Jahr nach Eröffnung gut zu laufen. Die Grill-Kirsche, der Preisel-Bert oder die Grüne Wiese, so die Namen der kreativen Burger-Kreationen, locken immer mehr Menschen in das Restaurant.

Christian Berton beim Burger braten

Christian Berton beim Burger braten

Vier „reguläre“ Mitarbeiter und fünf mit Behinderung hat der Godesburger aktuell. Christian Berton (29 Jahre) und Jochen Griewaldt (59 Jahre) sind zwei von ihnen. Christian hat über den Bonner Verein für gemeindenahe Psychiatrie zum Godesburger gefunden. Er ist gelernter Beikoch, aber auch Epileptiker. Hohe Arbeitsbelastung und lange Arbeitszeiten – in der Gastronomie gang und gäbe – verstärkten seine Erkrankung. Die Anstellungen in der Küche waren deshalb meist nicht von langer Dauer. Häufig war er schon arbeitslos. Zuletzt hat er in der Oase, einem Tageszentrum für psychisch Kranke, ehrenamtlich gearbeitet, um sich nach einem starken epileptischen Anfall und zwei Jahren Arbeitslosigkeit wieder langsam an Arbeit zu gewöhnen.

„Die Behindertenwerkstätte war nichts für mich“

„Ich war froh, dass ich wieder was zu tun hatte. Vorher hatte ich ja länger gar keine Arbeit, das tat mir gar nicht gut. Man muss doch irgendwas zu tun haben!“ Auch eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung hat Berton schon einmal ausprobiert. „Das war aber nichts für mich“, sagt er. „Ich wollte schon eine richtige Arbeit haben.“ Christian darf nicht mit Maschinen arbeiten, keine sehr scharfen oder spitzen Gegenstände oder chemische Arbeitsmittel benutzen. Beim Godesburger geht man darauf ein. Hier wird jeder Mitarbeiter entsprechend seiner Stärken eingesetzt. Und die Schwächen fangen die anderen Kollegen auf. „Jeder kann hier was und jeder macht es so schnell und so gut er kann, das ist das Besondere am Godesburger“, fasst Berton zusammen.

Das schätzt auch Jochen Griewaldt. Er ist in der Küche des Godesburgers für die Vorbereitung der Zutaten zuständig. Saucen anrühren, Gemüse schneiden, Pommes herstellen. Wie Christian in der Rush Hour Burger braten und anrichten im Akkord wäre nichts für ihn. „Zu hektisch“, sagt der fast 60-Jährige, „da komme ich nicht mit.“ Griewaldt kann auf ein langes und forderndes Arbeitsleben zurückblicken. Er war erst Fliesenleger, dann Schreiner. Von der starken körperlichen Arbeit sind seine Knie, der Rücken und die Halswirbelsäule stark beeinträchtigt. Hinzu kommt ein starker Typ 1-Diabetes.

Jochen Griewaldt schneidet Pommes

Jochen Griewaldt schneidet Pommes

„Wir haben hier die gleichen Herausforderungen wie in jedem anderen Gastronomiebetrieb“

Vor vier Jahren hat er deshalb seine Selbstständigkeit an den Nagel gehängt und musste zum ersten Mal in seinem Leben zum Jobcenter. „Ich habe einige Ein-Euro-Jobs gemacht“, sagt er. „Zuletzt war ich in einer Kita, das war toll. Als die Förderung auslief bin ich dort noch ehrenamtlich geblieben.“ Zum Godesburger ist er auch über das Jobcenter gekommen. „Ich hab‘ die bekniet, dass die mir wieder Arbeit suchen, dafür sind die doch da.“ Eine Vollzeitstelle kann er sich nicht mehr vorstellen. Ich habe hier schon einmal die Zwischenschicht gemacht. Das sind acht Stunden. Da hört es dann aber bei mir auf. Sechs Stunden sind okay, aber mehr geht einfach nicht.“

Für Ilka Gutzeit, Restaurantleiterin des Godesburgers, ist es ganz wichtig, dass alle Mitarbeiter zwar gefordert, aber nicht überfordert werden. „Dann hat man hier die gleichen Herausforderungen wie in jedem anderen Gastronomiebetrieb.“ Und es sei keinesfalls so, dass hier nur die gesunden Mitarbeiter die Schwächen der Mitarbeiter mit Behinderung auffangen. „Im Gegenteil“, sagt die studierte Betriebswirtin. Vor allem die Motivation sei bei den beeinträchtigten Mitarbeitern extrem hoch. „Die würden auch noch mit dem Kopf unter dem Arm kommen. Man muss sie eher auch mal nach Hause schicken und sagen, Ruh Dich aus, Du bist krank.“

Ilka Gutzeit an der Theke des Godesburgers

Ilka Gutzeit an der Theke des Godesburgers

„Inklusives Arbeiten ist möglich und lukrativ

Mit dem Godesburger will die Stadt Bonn Unternehmern und der Öffentlichkeit zeigen, dass inklusives Arbeiten nicht nur möglich ist, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Sie fördert das Projekt im Rahmen der Umsetzung des behindertenpolitischen Teilhabeplans gemeinsam mit dem Landschaftsverband Rheinland, der Aktion Mensch und dem Land Nordrhein-Westfalen. Mit der Zeit wird die finanzielle Unterstützung graduell abnehmen. Dann muss der Godesburger seine Wirtschaftlichkeit zeigen.

Dass inklusive Arbeitsplätze machbar sind, beweist das Burger-Restaurant jedoch schon jetzt. Keiner der nicht behinderten Mitarbeiter hat eine sozialpädagogische Ausbildung. Zwar gibt es eine Begleitung durch den Bonner Verein, aber unabhängig davon solle hier „ganz normal“ zusammen gearbeitet werden. Es gehe beim Godesburger eben nicht darum, die beeinträchtigten Mitarbeiter bei der Arbeit zu betreuen, so Frau Gutzeit. „Unsere Basis ist gegenseitiges Verständnis“, erklärt sie. „Wir sind einfach ein gutes Team“, fasst es Christian zusammen.

Zum Weiterlesen:

Website des Godesburgers

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