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Zu viel Behinderung für den Arbeitsmarkt, zu wenig für die Behindertenwerkstatt


(o-ton) Xenia Henkel ist schwerbehindert. Sie hat das Turner-Syndrom, einen Gendefekt ähnlich Trisomie 21, der sich aber nicht auf die geistigen Fähigkeiten auswirkt. Körperlich ist Xenia den Anforderungen des Arbeitsmarktes kaum gewachsen. Nach einer Ausbildung zur Hauswirtschaftshelferin fand sie deshalb jahrelang keine Arbeit. Für eine Stelle in einer Behindertenwerkstatt reichen ihre Einschränkungen laut Jobcenter jedoch nicht.

Xenia Henkel hat ihre Suche nach einem Arbeitsplatz aufgeschrieben:

„Bericht über meinen Werdegang“ von Xenia Henkel

Die Schule habe ich im Jahr 2000 zunächst mit dem Hauptschulabschluss beendet. Danach habe ich eine Ausbildung zur Kinderpflegerin/Erzieherin begonnen. Im zweiten Lehrjahr habe ich mich aufgrund schlechterer Noten und Problemen mit den Kindern und auch mit meinen Mitschülern in der Berufsschule dazu entschlossen, diese Lehre zu beenden.

Nun war ich auf der Suche nach einer neuen Ausbildung. Und war mehrmals zur Beratung beim Jobcenter (da noch Arbeitsamt). Ich sollte mich einfach bewerben, dabei musste ich mich erst mal neu orientieren. Es gab keine vernünftigen Angebote vom Jobcenter und auch sonst keine Hilfe. Bis eine Bekannte meinen Eltern vom Kolping Bildungswerk erzählt hat. Als wir beim nächsten Termin nach dieser Möglichkeit gefragt haben, hat der Berater gemeint: „Das wäre schon eine Möglichkeit!”, was wir selber herausfinden mussten und er gar nicht auf die Idee gekommen ist, uns das vorzuschlagen.

Dann hat der Berater bei der Kolpingstelle in Bad Windsheim angerufen und hat mich dort angemeldet. Von 2003 habe ich dort ein berufsvorbereitendes Jahr gemacht. Mit allgemeinem Unterricht, Bewerbungstraining und mehreren Praktika. Unter anderem auch im „Wildbad“ in Rothenburg o.d.T., worauf ich von meiner Tante aufmerksam gemacht wurde.

Für diese Zeit fiel ich wieder aus der Statistik. Und als das Jahr zu Ende ging, habe ich mich dazu entschlossen, ab September 2005 eine weitere Ausbildung als Hauswirtschaftshelferin zu beginnen. Von September 2005 bis einschließlich März 2007 ging dann die Ausbildung, die ich mit der mittleren Reife abschließen konnte. Dann habe ich versucht, auch noch den Abschluss als staatlich geprüfte Hauswirtschafterin zu machen. Die theoretische Prüfung habe ich bestanden. Die praktische Prüfung habe ich nicht bestanden, weil ich die Aufgaben in der vorgegebenen Zeit nicht beenden konnte. Durch meine Behinderung kann ich manche Arbeiten nicht so schnell erledigen.

Danach wurde ich aus angeblich personellen Gründen gekündigt. Auch mein Schwerbehindertenausweis konnte daran nichts ändern. Auch bei späteren Bewerbungen war dieser Ausweis mehr hinderlich als nützlich.

Daraufhin wendete sich mein Stiefvater an den Landesbischof in München, erklärte unsere Situation und ich konnte dadurch noch ein halbes Jahr Teilzeit im Wildbad arbeiten. Ich war immer bemüht, meine mir aufgetragene Arbeit gut zu machen, habe auch keine Wochenendarbeit gescheut, war immer da, wenn ich gebraucht wurde. Die Arbeit hat mir sehr großen Spaß gemacht und auch im Kollegenkreis hab ich mich sehr wohl gefühlt.

Nach diesem halben Jahr wurde ich im September 2008 endgültig entlassen. Danach bewarb ich mich in diversen Hotels in Rothenburg und Umgebung als Zimmermädchen oder für die Küche. Ich musste aber beim Probearbeiten feststellen, dass mich das Arbeitspensum überfordert.

Als ich einsehen musste, dass ich den Anforderungen in der freien Wirtschaft nicht gerecht werden konnte, haben sich meine Eltern und ich bei der Lebenshilfe erkundigt. Wir hatten ein Gespräch mit dem Leiter der Lebenshilfe in Brodswinden. Er machte uns Mut und Hoffnung auf einen Arbeitsplatz in den Werkstätten oder in der Kantine. Daraufhin gingen wir wieder zum Arbeitsamt, wo man uns mitgeteilt hat, dass ich keinen Anspruch auf einen Platz bei der Lebenshilfe habe. Begründung: Ich hätte schon meine Ausbildung in der Lebenshilfe absolvieren müssen. Da ich aber eine Ausbildung in einem Betrieb der freien Wirtschaft gemacht habe, habe ich bewiesen, dass ich durchaus in der Lage bin, einen regulären Arbeitsplatz zu finden. Dies wurde durch die Untersuchung eines Psychologen bestätigt.

Bei einem weiteren Gespräch mit dem Arbeitsamt habe ich mich nach einer Umschulung zur Bürokauffrau erkundigt. Es wurde mir gesagt, das hätte keinen Sinn, es gäbe ohnehin schon zu viele Bewerber. Dann wurden mir Stellen angeboten vom Arbeitsamt. Ich sollte zum Beispiel für drei Stunden am Tag nach Nürnberg fahren. Oder ich sollte für einen Monat als Bürobote arbeiten, wo sich beim Vorstellungsgespräch herausstellte, dass man eigentlich einen Mann für Hausmeistertätigkeiten sucht. Wieder umsonst nach Ansbach gefahren.

Nach einem Jahr wurden alle Zahlungen eingestellt. Auch meine Krankenversicherung musste ich selbst bezahlen. Dann hat mich das Arbeitsamt zu einem sechsmonatigen Berufseingliederungskurs nach Ansbach geschickt. Diese Maßnahme wurde mir vergütet und bestand aus Computerkurs, Bewerbungstraining und Praktika. So kam ich für drei Monate das erste Mal in die Projektschmiede. Dort gefiel es mir gleich sehr gut. Während des Kurses habe ich sehr viele Bewerbungen geschrieben und entweder eine negative oder gar keine Antwort erhalten. So ging es auch vielen anderen Kursteilnehmern. Es war eine sehr frustrierende Erfahrung.

Ich habe dann versucht, bei der Projektschmiede einen Arbeitsplatz zu bekommen. Man konnte damals nur dann einen Job bekommen, wenn man Sozialhilfe bezog. Ich war aber nicht sozialhilfeberechtigt, da ich bei meinen Eltern wohnte und auch nicht ausziehen konnte. Auch über diese Möglichkeit hatten wir uns schon erkundigt. Das Arbeitsamt interessierte sich für meinen Fall überhaupt nicht mehr. Warum auch? Ich verursachte nun ja keine Kosten mehr und mutierte zur Karteileiche.

Ich verfolgte weiter die Stellenangebote in der Zeitung und im Internet. Ich bewarb mich immer wieder auf Stellenangebote, bekam aber nur selten Antwort. Dann habe ich in Creglingen eine Firma gefunden, die Heimarbeit vergibt, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Auf Dauer rechnete sich das aber auch nicht, wegen dem weiten Weg.

Dann haben wir es aus lauter Verzweiflung noch einmal bei der Lebenshilfe probiert. Trotz ständiger Bemühungen war ich jetzt seit vier Jahren arbeitslos. Meine Situation war inzwischen hoffnungslos. Vom Arbeitsamt wurde ich wieder zum Psychologen geschickt, der stellte diesmal innerhalb einer halben Stunde fest, dass die Lebenshilfe für mich nicht in Frage kommt. Ich kam mir vor wie ein Idiot! Während dieser Zeit, in der ich meinen Eltern auf der Tasche lag, hab ich daheim den Haushalt erledigt, das hab ich ja gelernt, um meine beiden voll berufstätigen Eltern wenigstens etwas zu entlasten. Außerdem habe ich mich um meine Großeltern gekümmert, denn sie haben mich immer unterstützt. So konnte ich wenigstens ein bisschen was zurückgeben und kam mir nicht ganz unnütz vor. Es war eine sehr schwere Zeit für mich.

Dann starb mein leiblicher Vater und hinterließ mir etwas Geld. Nun entschloss ich mich, einen Lehrgang bei einer Fernschule als Bürokauffrau zu belegen, um meine berufliche Qualifikation zu verbessern. Durch mein Erbe hatte ich nun die finanzielle Möglichkeit dazu. Körperlich schwer arbeiten kann ich durch meine Behinderung nicht. Also musste ich eine andere Möglichkeit finden. Dann hat mein Stiefvater durch Zufall eine Anzeige der Projektschmiede entdeckt und sich entschlossen, da mal anzurufen und nachzufragen, ob sich vielleicht etwas geändert hat. Und das hatte es.

Wir hatten einen Termin bei Herrn Karl Dehm und er sagte mir, dass ich wieder in der Projektschmiede arbeiten könne. Es hätte sich viel geändert. Zuerst ging es nur ehrenamtlich und nach ein paar Monaten dann über den Bundesfreiwilligendienst. Ich habe alles dankbar angenommen. Und meine Ausbildung zur Bürokauffrau kann ich nun bestens einsetzen.

Ich war so glücklich, endlich wieder eine Arbeit zu haben. Das war wie ein Sechser im Lotto! Ich hab mich gleich sehr wohl und auch angenommen gefühlt. Die Menschen, die in der Projektschmiede wieder einen Arbeitsplatz fanden, haben alle schon eine schwere Zeit durchgemacht und können mich wohl deshalb sehr gut verstehen. Solche Kollegen kann man sich nur wünschen. Gut, dass es solche Einrichtungen wie die Projektschmiede gibt. Wir können jegliche Unterstützung gebrauchen. Was mich diese schweren Jahre gelehrt haben: Egal was im Leben auch kommen mag, irgendwie gibt es immer eine Lösung, man muss nur daran glauben. Auch meine Familie hat immer zu mir gehalten und an mich geglaubt, dafür bin ich sehr dankbar.

Zum Weiterlesen:

Rothenburger Projektschmiede

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