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2,8 Millionen Arbeitslose, aber 6,85 Millionen Hartz IV- und Arbeitslosengeldempfänger: Trotzdem gilt die Arbeitslosenquote als wichtigster Wohlstandsindikator

© apops - Fotolia.com

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(o-ton) 2,8 Millionen Arbeitslose gab es im September 2014. Doch mit rund 6,85 Millionen bezogen fast zweieinhalbmal so viele Menschen in Deutschland Arbeitslosengeld oder Hartz IV-Leistungen – darunter über 1,7 Millionen Kinder. Denn nur ein Teil derer, die staatliche Unterstützung benötigen, gilt auch als arbeitslos im Sinne der Statistik. Dennoch ist die Arbeitslosenquote der wichtigste Wohlstandsindikator für politische Entscheidungsträger.

Im September (teilweise aktuellste verfügbare Werte durch Wartezeiten in der Statistik) gab es 2,8 Millionen Arbeitslose gemäß Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA). Gleichzeitig waren aber insgesamt rund 6,85 Millionen Menschen Leistungsempfänger. 885.000 Menschen bezogen Arbeitslosengeld I und 4,35 Millionen Menschen und ihre 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren waren abhängig von Hartz IV-Leistungen beziehungsweise Sozialgeld.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslose nach Rechtskreisen, Deutschland nach Ländern, November 2014, Tabelle 1; Arbeitslosengeld nach dem SGB III - Deutschland, September 2014, Tabelle 1; Aktuelle Eckwerte der Grundsicherung SGB II, Tabelle 3 und Analyse der Grundsicherung für Arbeitsuchende, November 2014, S.24.

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslose nach Rechtskreisen, Deutschland nach Ländern, November 2014, Tabelle 1; Arbeitslosengeld nach dem SGB III – Deutschland, September 2014, Tabelle 1; Aktuelle Eckwerte der Grundsicherung SGB II, Tabelle 3 und Analyse der Grundsicherung für Arbeitsuchende, November 2014, S.24.

Etwa 90.000 (aktuelle Zahlen sind nur mit Wartezeit verfügbar, im Juli 2014 waren es 91.607 Menschen) von ihnen waren Doppelbezieher von Arbeitslosengeld und Hartz IV-Leistungen.

Leistungsbezug ist nicht gleich Arbeitslosigkeit

In die monatlich verkündete Arbeitslosenzahl geht ein großer Teil der Leistungsempfänger nicht ein, denn sie gelten rein statistisch nicht als arbeitslos. Das ist zum einen der Fall, wenn sie zwar Arbeit suchen, zum letzten Erfassungstermin aber an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilnahmen, über 58 Jahre alt waren und innerhalb eines Jahres kein Jobangebot erhalten haben oder krankgeschrieben waren. Die Bundesagentur für Arbeit führt sie dann nicht mehr als Arbeitslose, sondern als so genannte Unterbeschäftigte. Im September 2014 summierten sich die „Arbeitslosen“ aus der Unterbeschäftigungsstatistik (hier im engeren Sinne, also ohne Personen, die aus Arbeitslosigkeit heraus eine Selbstständigkeit aufbauten und dabei finanzielle Unterstützung erhielten, Menschen in Altersteilzeit und Kurzarbeiter) und die „offiziell“ Arbeitslosen aus der Arbeitslosenstatistik auf über 3,6 Millionen Menschen (O-Ton berichtete).

Trotz Leistungsbezug ebenfalls nicht zu den Arbeitslosen zählen Personen, die keine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen und der Arbeitsvermittlung nicht zur Verfügung stehen, weil sie zum Beispiel Kinder erziehen, Angehörige pflegen, im Vorruhestand sind oder eine Ausbildung machen. Zu dieser Gruppe zählen auch die Aufstocker, die zwar Arbeit haben, aber zusätzlich Hartz IV-Leistungen erhalten. Im Hartz IV-System gelten über die Hälfte der Leistungsempfänger im erwerbsfähigen Alter als nicht arbeitslos (O-Ton berichtete).

Politische Entscheidungsträger: Arbeitslosenquote am besten geeignet, um Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität zu messen

Sowohl die Arbeitslosenzahl als auch die Arbeitslosenquote haben also wenig Aussagekraft, wenn es darum geht, das tatsächliche Ausmaß von Arbeitslosigkeit und Hilfebedürftigkeit zu beziffern. Trotzdem messen Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung diesen Zahlen eine hohe Bedeutung zu, um Wohlstand zu messen. Das hat eine Befragung von Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung im Auftrag der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestages ergeben. Unter mehreren Indikatoren (darunter Armutsquote, BIP-Wachstumsrate und Inflationsrate) hielten die Befragten die Arbeitslosenquote für den wichtigsten. 76 Prozent der Befragten beobachteten die Arbeitslosenquote regelmäßig, bei knapp 58 Prozent hatte sie einen großen oder sehr großen Einfluss auf konkrete Entscheidungen.

Für das Forscherteam ist diese hohe Bedeutung fragwürdig. Sie urteilen: „Dies kann sicherlich als überraschend, wenn nicht gar als kontraintuitiv bezeichnet werden, da im Regelfall nur eine Minderheit der Bevölkerung von Arbeitslosigkeit betroffen ist und eine Beschäftigung nicht notwendigerweise auch mit einer existenzsichernden Bezahlung einhergehen muss.“

Neben der Arbeitslosenquote gibt die Bundesagentur für Arbeit monatlich sowohl eine Unterbeschäftigungsquote als auch eine SGB II-Hilfequote heraus, die für die Wohlstandsmessung jeweils aussagekräftiger sind als die Arbeitslosenquote. So lag der Anteil der Unterbeschäftigten im September bei 8,4 Prozent. 9,4 Prozent der Bevölkerung bezog Hartz IV-Leistungen. Demgegenüber zählten 6,5 Prozent der Bevölkerung zu den Arbeitslosen.

Zum Weiterlesen:

Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslose nach Rechtskreisen, Deutschland nach Ländern, November 2014

Bundesagentur für Arbeit, Aktuelle Eckwerte der Grundsicherung SGB II, November 2014

Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslosengeld nach dem SGB III – Deutschland, September 2014, Tabelle 1

Bundesagentur für Arbeit, Analyse der Grundsicherung für Arbeitsuchende November 2014, S.24

Fertig, Michael et al., Die Wahrnehmung und Berücksichtigung von Wachstums- und Wohlstandsindikatoren durch politische Entscheidungsträger in Deutschland, ISG Working Paper No.7

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