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Atypische Beschäftigung: Warum ein leichter Rückgang noch lange kein Erfolg ist

© FM2 - Fotolia.com

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(o-ton) 2012 ist die Zahl der atypisch Beschäftigten leicht auf 7,89 Millionen gesunken. Das als Erfolg zu werten, ist aber verfrüht, denn das Niveau bleibt weiter hoch. Seit 1991 gab es bei den Minijobbern, Zeitarbeitern, befristet Beschäftigten und Teilzeitarbeitern mit weniger als 20 Wochenstunden einen Zuwachs um 78 Prozent. Mehr als jeder fünfte Beschäftigte arbeitet atypisch. Da macht ein im Vorjahresvergleich minimaler Rückgang noch lange keinen Trend.

„Atypische Beschäftigung sinkt 2012 bei insgesamt steigender Erwerbstätigkeit“, das meldete das Statistische Bundesamt vergangene Woche auf Basis von Mikrozensus-Daten. Doch die vemeintliche Jubelmeldung entpuppt sich schnell als Mogelpackung, wenn man die Gesamtentwicklung der letzten Jahre betrachtet.

Zwar ist die Zahl der atypisch Beschäftigten 2012 tatsächlich von rund 8,04 auf 7,89 Millionen gesunken und hat damit um 146.000 Personen beziehungsweise rund zwei Prozent abgenommen. Das ändert allerdings wenig am generell hohen Niveau, das sich in den letzten Jahren kontinuierlich aufgebaut hat. Denn die atypische Beschäftigung ist seit Start der Aufzeichnung massiv ausgebaut worden. 1991 gab es lediglich 4,4 Millionen Minijobber, Zeitarbeiter, befristet Beschäftigte und Teilzeitarbeiter mit weniger als 20 Wochenstunden, 2012 waren es 78 Prozent mehr.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. 285 vom 28.08.2013), Atypische Beschäftigung sinkt 2012 bei insgesamt steigender Erwerbstätigkeit, Darstellung O-Ton Arbeitsmarkt.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. 285 vom 28.08.2013), Atypische Beschäftigung sinkt 2012 bei insgesamt steigender Erwerbstätigkeit, Darstellung O-Ton Arbeitsmarkt.

Mehr als ein Fünftel aller Beschäftigten arbeitet atypisch

Und nicht nur die absolute Zahl der atypisch Beschäftigten ist deutlich gestiegen, auch ihr Anteil an allen Beschäftigten hat in den letzten Jahren nahezu kontinuierlich zugenommen. 2012 arbeiteten 21,8 Prozent aller Beschäftigten (inklusive Selbstständige und mithelfende Familienangehörige) in einem atypischen Arbeitsverhältnis. 1991 waren es noch lediglich 12,8 Prozent, neun Prozentpunkte weniger. Der leichte Rückgang des Anteils von 22,4 Prozent in 2011 auf 21,8 Prozent in 2012 ist also, gemessen an dem Gesamtzuwachs der letzten Jahre, marginal.

Gleichzeitig ist der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse insgesamt gesunken. 1991 waren noch rund 78 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse unbefristet sowie in Vollzeit oder Teilzeit von mehr als 20 Stunden. 2012 sind es noch rund 67 Prozent. Auch hier ist der Anstieg um einen Prozentpunkt auf 66,8 Prozent gegenüber den beiden Vorjahren vergleichsweise gering.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. 285 vom 28.08.2013), Atypische Beschäftigung sinkt 2012 bei insgesamt steigender Erwerbstätigkeit, Darstellung O-Ton Arbeitsmarkt.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. 285 vom 28.08.2013), Atypische Beschäftigung sinkt 2012 bei insgesamt steigender Erwerbstätigkeit, Darstellung O-Ton Arbeitsmarkt.

Professor Stefan Sell vom Institut für Bildungs- und Sozialpolitik (ibus) der Hochschule Koblenz verdeutlicht: „Wir sehen jetzt den ersten spürbaren Rückgang des Anteils der atypisch Beschäftigten – nach mehreren Jahren einer wirklich positiven Arbeitsmarktentwicklung, die laut Arbeitgeber angeblich von Fachkräftemangel geprägt wurde und nicht mehr von Arbeitslosigkeit. Also eigentlich müsste bei dieser Arbeitsmarktentwicklung der Rückgang der atypischen Beschäftigung viel stärker ausgefallen sein, da sich doch die Marktverhältnisse zugunsten vieler Arbeitnehmer verschoben haben. Aber der eigentliche Punkt ist ein anderer: Die Statistik sagt nichts über die Ausgestaltung der „Normalarbeit“ aus. Wir wissen nicht, ob diese zum Beispiel im Niedriglohnsektor angesiedelt sind oder keiner tariflichen Bindung unterliegen. Diese Dimension ist gar nicht Gegenstand der Daten des Statistischen Bundesamtes, sollte und muss aber bei einer Gesamtbewertung der Arbeitsmarktentwicklung herangezogen werden. Man muss sich gerade im Zusammenspiel mit den Befunden über andere problematische Dimensionen des Arbeitsmarktgeschehens, wie zum Beispiel die Lohnentwicklung oder die enorme Verfestigung der Hilfeabhängigkeit im Grundsicherungssystem, davor hüten, diesen Zahlenausschnitt aus dem sehr komplexen Arbeitsmarktkuchen dahingehend zu bewerten, dass jetzt doch wirklich alles gut ist.“

Zum Weiterlesen:

Statistisches Bundesamt (Pressemitteilung Nr. 285 vom 28.08.2013), Atypische Beschäftigung sinkt 2012 bei insgesamt steigender Erwerbstätigkeit

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